Exklusiv: Commerzbank-Tochter stellt grenzüberschreitendes Zahlungssystem per Stablecoin vor
16 Jan. 2026 ·
Neosfer hat einen Prototypen für Cross-Border-Payments entwickelt und setzt dabei auf Stablecoins. Das Geld soll innerhalb von fünf Minuten beim Empfänger sein und weniger kosten. Dabei nimmt man eine bestimmte Nutzer:innengruppe ins Visier.
Von Stablecoins verspricht sich die Fintech-Szene großes. Doch bisher werden sie vor allem als Verrechnungsgeld im Kryptobereich eingesetzt. Experten sehen aber einen weiteren Anwendungsfall: Stablecoins können Überweisungen in andere Länder erleichtern, die bisher über herkömmliche Zahlungswege oft teuer und langwierig sind. Der Startup-Inkubator der Commerzbank Neosfer stellt nun einen funktionsfähigen Prototyp für grenzüberschreitende Konto-zu-Konto Zahlungen mit Stablecoins vor, die im Online-Banking eingesetzt werden können.
Nutzer:innen können damit Geld von Deutschland in einige asiatische Länder in beliebigen Währungen und in weniger als fünf Minuten schicken. Die Zahlungen über Stablecoins sind nicht auf Korrespondenzbanken oder andere Vermittler angewiesen, sondern laufen direkt über das System: „Damit kann Geld günstiger und schneller in Länder verschickt werden, insbesondere in die, die bisher aus Deutschland schlecht angebunden sind”, sagt Lukas Kunert, Senior Manager bei Neosfer. Zusammen mit seinem Kollegen Bala Nagaraj hat er das System innerhalb von sechs Monaten entwickelt.
Die erste erfolgreiche Testzahlung des Prototypen mit dem Namen „deed“ erfolgte im August. Nun ist das System vollumfänglich Compliance-geprüft und entspricht laut den Entwicklern den EU-Regulierungsstandards für KYC, AML und Travel Rule. Das Zahlungssystem kann potentiell in die Oberfläche von Internet-Banking-Systemen integriert werden. Die Transaktionen werden über die in der EU regulierten Stablecoins von Circle je nach vorteiligem Wechselkurs für Euro (EURC) und Dollar (USDC) abgewickelt. An dem Projekt sind außerdem zwei Payment-Fintechs beteiligt: DLT Finance betreut die Einzahlung und Tazapay die Auszahlung vor Ort. Der Prototyp läuft aktuell nur in Ländern, in denen Tazapay aktiv ist.
Günstige Alternative zu Banküberweisungen
Grenzüberschreitende Banküberweisungen insbesondere außerhalb des Sepa-Raums sind bisher noch teuer und langsam. Üblicherweise dauert es zwei bis fünf Werktage, bis das Geld auf dem Konto des Empfänger ankommt. Zunächst muss die Bank der Sender:in eine Zahlungsanweisung über das Swift-Netzwerk schicken. Hat die Bank keine direkte Geschäftsbeziehung, was in asiatischen Ländern häufig vorkommt, übernimmt eine oder gleich mehrere sogenannte Korrespondenzbanken den Auftrag und prüfen Compliance-Fragen, beispielsweise ob Sanktionen gegen Sender:in oder Empfänger:in vorliegen.
Weil die Korrespondenzbanken das nicht zum Nulltarif machen, fallen sowohl für Sender:innen als auch für Empfänger:innen Kosten an. Laut der Weltbank lagen die durchschnittlichen Kosten für solche Überweisungen Ende 2024 weltweit bei fast 6,5 Prozent. Das liegt auch daran, dass die Korrespondenzbanken in den Zielländern eigene Wechselkurse und Aufschläge berechnen, was die Kosten erhöht. Während der Überweisung können Sender:innen zudem meist nicht nachverfolgen, wo sich das Geld befindet und zu welchen Kursen es gewechselt wird.
Die Kosten von Stablecoin-basierten Systemen wie dem von Neosfer sind laut den Entwicklern erheblich niedriger, weil keine Vermittler notwendig sind und der Umtausch zu den tatsächlichen Wechselkursen stattfindet. „Unser Prototyp beweist, dass sich Blockchain-Technologie nahtlos in bestehende Banking-Prozesse integrieren lässt“, erklärt Kai Werner, Managing Director von Neosfer. Anders als bei herkömmlichen Kryptotransaktionen müssen Sender:innen und Empfänger:innen im System von Neosfer keine eigene Krypto-Wallet eröffnen. Trotzdem soll das System für Nutzer:innen keine Blackbox sein. Sie können die Wechselkurse vor der Zahlung einsehen und den Status der Transaktion genau nachverfolgen: „Wir wollen nicht verheimlichen, dass die Transaktion per Stablecoin ausgeführt wird”, sagt Bala Nagaraj.
Topverdiener:innen aus dem Ausland im Visier
Als Entwickler, der ursprünglich aus Indien nach Deutschland kam, war Nagaraj selbst von den schwierigen Überweisungen frustriert. Vielen gehe es ähnlich: Besonders für Zahlungen nach Indien sehen die Entwickler deshalb großes Potential. In Deutschland arbeiteten laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2022 etwa 120.000 Beschäftigte aus Indien, davon viele als Spezialkräfte im IT-Bereich. Angestellte aus Indien sind laut einer aktuellen Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) mit einem Bruttomedianlohn von fast 5.400 Euro die Topverdiener unter den ausländischen Fachkräften. Laut Nagaraj liegen die Überweisungen ins Ausland hier bei 6.000 bis 10.000 Euro pro Jahr.
Konkurrenz für Wise und Co.?
Zwar gibt es neben den klassischen Banküberweisungen auch die Möglichkeit, Geld direkt über Kryptobörsen zu wechseln. Das ist aber mit technischem Wissen und im Fall von Coinbase mit einer Gebühr von mindestens 0,5 Prozent plus einer Transaktionsgebühr verbunden. Daneben gibt es alternative Anbieter wie Remitly, Currencyfair oder Wise. Bei letzterem kostet eine Überweisung über 3.000 Euro eine Gebühr von 1,43 Prozent, bei Revolut inklusive Wechselkursverlusten fast 0,71 Prozent (Stand: 08.01.2026).
In Großbritannien verlangt Wise laut der Financial Times gerade eine Gebühr von 0,5 Prozent. Jedoch ist man bei Wise bisher nicht von der Technologie überzeugt. Man sei aber bereit, sie zu nutzen, sofern sie Überweisungen günstiger mache, teilte Wise der Financial Times mit. Doch bisher sind besonders die Kosten für AML, KYC und andere Compliance-Vorschriften ähnlich hoch wie bei den Überweisungen.
Die Entwickler bei Neosfer erwarten jedoch, dass die Kosten mit der Skalierung der Systeme sinken werden. Sollte das System von Neosfer tatsächlich niedrigere Preise ermöglichen, wäre es eine günstigere und schnellere Alternative zur Überweisung. Wann das System an den Start gehen könnte und ob es dann bei der Commerzbank oder anderen Banken zum Einsatz kommen wird, steht noch nicht fest.